«Dzień dobry» und «Dobrý den»

450 Kilometer lang ist die Grenze zu Tschechien, mit Polen verbinden den Freistaat 120 Kilometer. Dennoch beherrschen viele Sachsen kaum Tschechisch oder Polnisch – selbst in den Grenzgebieten. Damit sich das ändert, entdecken nun schon die Kleinsten die Nachbarsprache für sich.

Erschienen am 18.05.2017

Zittau/Luby (dpa) - Gebannt hängen die 18 tschechischen Mädchen und Jungen einer Kita in Luby an den Lippen von Pavlína Kellerová. Sie erzählt von einem Pfannkuchen, der um keinen Preis verspeist werden möchte. Während die Geschichte in den Köpfen der Kinder zum Leben erwacht, saugen sie ganz nebenbei deutsche Vokabeln wie Hase, Bär oder Fuchs auf.

Die 41-Jährige vermittelt spielerisch die Sprache des Nachbarlandes, das nur knapp fünf Kilometer von der Kleinstadt im böhmischen Vogtland entfernt liegt. Kellerová ist freiberufliche Sprachanimateurin, die Kindern auf beiden Seiten der deutsch-tschechischen Grenze in der Region um Bad Elster die jeweilige Nachbarsprache näherbringt.

«Mir geht es vor allem darum, dass die Kinder keine Vorbehalte gegenüber dem Nachbarland haben und ihre Neugier geweckt wird», berichtet die gebürtige Tschechin, die seit 20 Jahren in Deutschland lebt. Ihre Tochter sei zweisprachig aufgewachsen und im wöchentlichen Wechsel in Bad Elster und Luby in die Kita gegangen. «Dadurch konnte sie zu 100 Prozent in die Sprache eintauchen.»

Dieses Konzept verfolge sie nun mit ihrer Sprachanimation. Drei Kindergärten auf tschechischer und sieben auf deutscher Seite sowie zwei Grundschulen besucht sie jede Woche. Die Quereinsteigerin hat sich dafür beim Deutsch-Tschechischen Jugendaustausch Tandem weiterbilden lassen. Rund 200 Sprachanimateure wurden seit 1997 in den Koordinierungszentren in Regensburg und Pilsen ausgebildet, erläutert Mitarbeiterin Jana Kučerová. Aktuell arbeiten rund 80 zertifizierte Sprachanimateure in beiden Ländern, im direkten Grenzgebiet sind es demnach mehr als 20.

Entlang der Grenze gibt es nach Angaben der Landesstelle für frühe nachbarsprachige Bildung rund 50 sächsische Kindergärten, die sich in unterschiedlicher Form mit Tschechisch oder Polnisch beschäftigen. Das Angebot reicht von länderübergreifenden Kita-Partnerschaften, über regelmäßige Sprachangebote bis hin zur Betreuung durch Muttersprachler im Kita-Alltag.

In Sachsens Schulen lernen aktuell rund 5200 Kinder und Jugendliche die Sprachen der Nachbarn. Diese Zahl hat sich laut Kultusministerium in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt. Am stärksten wuchs demnach die Zahl der Polnisch-Lerner in Sachsens Grundschulen von 401 auf aktuell 1032.

Regina Gellrich, Leiterin der Landesstelle für frühe nachbarsprachige Bildung, plädiert dafür, überall in den Grenzregionen ein durchgängiges Erlernen der polnischen oder tschechischen Sprache zu ermöglichen. Im Freistaat gäbe es dabei noch viel zu tun. Auch viele Kitas seien noch recht zurückhaltend.

«Dabei gehört die Nachbarsprache zur authentischen Lebenswelt der Kinder», betont die Zittauerin. Sie selbst fahre keine halbe Stunde bis Liberec – eine prosperierende, moderne Stadt. Bis Dresden seien es hingegen mehr als 90 Minuten. Die in der Grenzregion lebenden Menschen sollten sich deshalb nicht als Rand Sachsens begreifen, sondern vielmehr die Chancen der 360-Grad-Perspektive erkennen und nutzen. «Wir sind mittendrin in Europa, diese Erkenntnis braucht aber Zeit.»

So seien viele Eltern in den letzten Jahren bereits offener geworden. Die Menschen müssten erfahren, dass es sich lohnt, Tschechisch oder Polnisch zu lernen. Nicht zuletzt gehörten beide Länder zu den zehn wichtigsten Wirtschaftspartnern Deutschlands. Damit seien entsprechende Sprachkenntnisse auch auf dem Arbeitsmarkt zunehmend relevant.

Ein weiterer Aspekt seien die aktuellen politischen Tendenzen, meint Ute Engler. «Es geht darum, den Blick zu weiten – das ist ein großes Kapital für Kinder, die erst einmal offen und unvoreingenommen sind», sagt die Leiterin einer Kita in Hirschfelde bei Zittau. Fünf der 80 Plätze seien für Kinder aus den Nachbarländern reserviert. Zudem laufen polnische Sprachassistenten im Kita-Alltag mit. Polnische oder tschechische Erzieher gäbe es aber nicht – das scheitere bislang an bürokratischen Hürden.

Ein weiteres Manko nennt Carolin Richter von der Kita Zwergenvilla. Die Kita-Leiterin holt einmal in der Woche Pavlína Kellerová nach Adorf. Damit diese den Tagesablauf begleiten könne, müsse sie jedes Jahr Fördermittel bei der EU beantragen. «Das bedeutet viel Arbeit und immer wieder Unsicherheit», kritisiert sie. Dabei lohne sich der frühe Sprachkontakt. «Wir leben so nah an der Grenze. Da sollte man doch mehr als fünf Wörter Tschechisch können.»

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